Die zweite Türkenbelagerung war am 12. September 1683 zu Ende. Zwar gab es schon Aufzeichnungen zu Glocken in St. Ulrich, vom heutigen Geläute war allerdings noch nicht die Rede. Im Zeitraum von 1692 bis 1696 goss Johann Achamer, Kaiserlicher Stück- und Glockengießer bereits vor der Schaffung der großen „Pummerin“ in St. Stephan (1711) Glocken für unsere Pfarre aus Türkenkanonen.  Die darauffolgenden Jahre sind schlecht dokumentiert, weshalb der Verbleib dieser Glocken unbekannt ist.   Im Vorkriegsgeläute bildet sich ein Überblick was über die Jahre hinweg geschehen war.  Maßgeblich daran beteiligt war Johann Caspar Hofbauer, welcher unserer Pfarre nicht nur sein „Jungfernwerk“ goss, sondern auch sein Meisterwerk. Er war ein Glockengießer mit ganz besonderen klanglichen Maßstäben.

Die nachfolgende Tabelle kann nur eine ungefähre Ahnung geben, wie klangstark das Geläute vor den beiden Weltkriegen war.

NameTonMasse [kg]Gussjahr Gießer
Marienglocke44801782Johann Caspar Hofbauer
Ulrichsglocke Cis‘2240  1770Johann Caspar Hofbauer
Bartholomäusglocke?11701831?
Kasparglocke?6721782Johann Caspar Hofbauer
Barbaraglocke?448 1782Johann Caspar Hofbauer
SpeisglockeCis‘‘2501770Johann Caspar Hofbauer
Sterbeglocke?561876?
Annaglocke?681904Peter Hilzer
Chorglocke (?)?501876?

 

Aus den bekannten Tönen der Glocken zeichnen sich leider die traurigen Geschehnisse im 1. Weltkrieg ab.  Sechs Glocken wurden für „Rüstungszwecke“ eingezogen und von der Pfarrgemeinde nie wiedergesehen.   

Folgende Glocke verblieben:

NameTonMasse [kg]Gussjahr Gießer
Marienglocke44801782Johann Caspar Hofbauer
Ulrichsglocke Cis‘2240 1770Johann Caspar Hofbauer
SpeisglockeCis‘‘2501770Johann Caspar Hofbauer

Obwohl engagierte Pfarrmitglieder sich fortan für die Glocken einsetzten, forderte auch der zweite Weltkrieg die Pfarre zu Höchstleistungen der Prävention von Unheil für die Glocken auf.   Die beiden großen Glocken wurden abtransportiert und durch eben jene Fügung vor einem Bunker als „Sicherung“ gestellt.  Kurz vor Weihnachten 1945 konnte die „Ulrichs Glocke“ wieder in der Pfarrkirche einreiten und wurde mit großer Freude empfangen. Auch die Marienglocke komplettierte das Zwischenkriegsgeläute und konnte im neuen Jahr wieder erklingen. Dies allerdings mit erheblicher Mitwirkung der Pfarrgemeinde. Dafür ist Trost gewiss. St. Ulrich  besitzt die größte Glocke Wiens, die den 2. Weltkrieg überlebt hat.

Durch Risse zwischen den Türmen wurde 1991 die Vermutung aufgestellt, dass die Glocken involviert sind und es dringlichen Handlungsbedarf gibt.  Dieses Urteil beschäftigt Teile der Pfarrgemeinde bis heute, denn es blieb nicht ohne Folgen.  Die Glocken wurden von den originalen barocken Holzjochen auf neue, gekröpfte Stahljoche umgehängt, wobei es vom Altbestand keine Überreste gibt.  1994, an einem gewöhnlichen Sonntag zum Messläuten passierte etwas Ungewöhnliches mit gravierenden Folgen.   Ein Henkel der großen Glocke war durch dynamische Belastungen am neuen Joch gebrochen.  Aufgrund eines Gussfehlers und der neuen Läutweise wurde die Belastung zu groß.  Doch unser ehemaliger Pfarrer, Pater Paulus, machte gemeinsam mit den vielen Helfern seiner Gemeinde, das Unmögliche möglich. Die Glocke konnte durch einen Glockenschweißer in Nördlingen (Deutschland) repariert werden. Am 7. Mai 1999 kehrte die reparierte Glocke zurück und erklang wieder zu heiligen Messen.

Ein unerwarteter Zwischenfall gab den Anstoß, dessen Impuls bis heute, die Glocken pflegt. Beim Einläuten der „Langen Nacht der Kirche“ im Jahr 2015 fiel einem Beobachter auf, dass die mittlere Glocke nicht mitläutete. In Zusammenarbeit mit Hannes Kropatschek konnte ich das Problem schnell erkennen. Durch einen technischen Steuerungsdefekt brannte die Motorwicklung durch. Die Kosten für die Pfarre konnten durch unseren Einsatz gering gehalten werden. Der Motor war relativ rasch neu gewickelt und die Glocke wurde bald wieder zum Läuten bereitgestellt.

Aus diesem unerwarteten Ereignis wurde ein langer Prozess.  Als man die Neuanschaffung der Stahljoche gemacht hat, waren die Schaltzeit der Elektronik nicht entsprechend angepasst worden.

Im Team mit Hannes versuche ich nun dieser Steuerung auf Herz und Niere zu fühlen und die Glocken möglichst schonend zu läuten. So kommt es immer wieder vor, dass die Glocken zum Test geläutet werden müssen, auch wenn keine Messfeier vorgesehen ist.

Damit Sie sich ein Bild unserer Glocken von heute machen können folgende Tabelle:

NameTonGussjahr BildVideo
Marienglocke1782  
Ulrichsglocke Cis‘1770  
SpeisglockeCis‘‘1770  

 

Autor: Johannes Höllrigl

P.S.: Bilder und Videos folgen